Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Ein Experiment: Führt zu viel Freiraum zur Überforderung?

SchülerInnen sind es im Regelfall nicht gewohnt ihre Zeit selbst einzuteilen und innerhalb dieses Rahmens zu arbeiten. Um Überforderung zu vermeiden, ist es ratsam, die Spielräume langsam auszudehnen. Eine Erfahrung, die auch der Lehrer des folgenden Experiments gemacht hat.

In einer Klasse mit 15-jährigen SchülerInnen leitete der Lehrer den Unterricht sinngemäß wie folgt ein: 'Den Ablauf der Unterrichtsstunden müsst Ihr selbst in die Hand nehmen. Ich stehe euch dabei zur Verfügung. Hier sind die Bücher, dort auf der Liste der Stoff, den ihr beherschen müsst. Zu diesem und jenem Zeitpunkt sind die Prüfungen.'

Zunächst entstand eine relativ chaotische Situation und die meisten SchülerInnen beschäftigten sich mit allem, nur nicht mit dem Fach. Diese Phase hat allerdings nicht sehr lange gedauert. Nach einer gewissen Zeit sind die ersten SchülerInnen gekommen: 'Was ist nun eigentlich?', 'Es ist jetzt ja bald die erste Klassenarbeit!' usw. Mehr und mehr wurde die Unterstützung des Lehrers für die Einteilung der Arbeit, für Erklärungen, für informelle Überprüfungen usw. angefordert. Dem Bericht zufolge haben sich die Leistungen der SchülerInnen am Schluss nicht von den Leistungen von konventionell unterrichteten Klassen unterschieden. Allerdings war diese Zeit für den Lehrer außerordentlich anstrengend, u.a. weil er in hohem Maße mit Anfragen konfrontiert war, auf die er sich nicht vorbereiten konnte.
 

Schritt für Schritt zur Selbstständigkeit

Das Beispiel stellt eine Umkehrung konventionellen Lehrens und Lernens dar: Es gibt zwar auch im Beispiel klare Vorgaben (Termine für die Prüfungen, die Ansprüche bei den Prüfungen, Inhalte, etc.), es ist aber nicht der Lehrer der als Nachfrager nach den Lernaktivitäten der SchülerInnen in Erscheinung tritt, sondern es sind die SchülerInnen die nach der Unterstützung des Lehrers fragen. Das ist sicher ein extremes Beispiel, das schnell zu Überforderung führen kann. SchülerInnen reizen ihre Grenzen aus, vor allem dann, wenn sie von der Mehrheit 'an der kurzen Leine gehalten werden'. Viele SchülerInnen sind nicht in der Lage, sich die Zeit selbst einzuteilen, weil sie keine Gelegenheit bekommen haben, es zu lernen. Es ist daher sicher ratsam 'klein' anzufangen und schrittweise die Spielräume der SchülerInnen zu erweitern. Und nochmals die Grundregel: Je größer der Spielraum, desto klarer müssen die Grenzen gesetzt sein.
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-11

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