Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Erfahrungen mit partizipativem Unterricht
Ein Lehrer berichtet

Das Ingeborg Bachman Gymnasium in Klagenfurt hat „Miteinander Lernen“ in seinem Leitbild verankert. „Miteinander Lernen“ bedeutet, dass es eine enge Zusammenarbeit zwischen den Lehrerteams einer Klasse, den Eltern und den SchülerInnen geben soll. Zudem soll durch zeitgemäße Unterrichtsformen (Werkstattunterricht, Planarbeit, und Projektunterricht) den SchülerInnen ein hohes Maß an Eigenständigkeit vermittelt werden. Gerd Schindler, ein Lehrer dieser Schule, berichtet von einem „ungewöhnlichen“ Schuljahr.

In einer vierten Klasse, 32 SchülerInnen, davon 9 Knaben, unterrichte ich seit vier Jahren die Gegenstände Deutsch, Geschichte und Sozialkunde und Darstellendes Spiel. Zudem bin ich Klassenvorstand dieser Klasse. Die Klasse war in den letzen drei Jahren sehr leistungsbereit, der Jahresabschluss wurde in allen drei Jahren von der Klasse ohne ein Nicht genügend im Zeugnis geschafft. Mit dem Beginn der vierten Klasse ergab sich eine deutliche Veränderung im Klassenklima. Es kam zu einem deutlichen Leistungsabfall, das Interesse am Unterricht sank deutlich ab, die pubertäre Entwicklung führte zu Spannungen innerhalb der Klassengemeinschaft: die Klasse wurde „schwieriger“. In dieser Situation versuchte ich auf das disziplinäre Ritual (Erhöhung des Leistungsdrucks) zu verzichten und es mit einem für mich und die SchülerInnen ungewohnten Weg zu versuchen.
 

Ein unbekannter Weg für LehreInnen und ihre SchülerInnen

Ich habe mich auf das Thema „Partizipation in der Klasse“ eingelassen, weil ich aus verschiedenen Gründen an einer echten Partizipation interessiert bin: Partizipation in der Klasse bedeutet für mich in diesem Zusammenhang, dass SchülerInnen und der Lehrer weitgehend gleichberechtigt den Unterricht gestalten und mitverantworten. Mein Ziel war, als Klassenvorstand und als Lehrer zweier Unterrichtsgegenstände durch ein neues Unterrichtskonzept den SchülerInnen mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen und diesen Prozess begleitend zu untersuchen. Folgende Fragen haben mich veranlasst, Näheres über diesen Versuch in Erfahrung zu bringen:
  • Eine Klasse mit 32 pubertierenden Jugendlichen ist erfahrungsgemäß schwer zu motivieren und zu führen. Könnte Partizipation den SchülerInnen helfen, den Unterricht positiver zu erleben?
  • Die SchülerInnen einer vierten AHS – Klasse haben bereits sieben Jahre Unterrichtserfahrung hinter sich, eine Erfahrung, die sie überwiegend fremdbestimmt erlebt haben. Können SchülerInnen diese Prägung überwinden und verantwortungsbewusst mitbestimmen oder suchen sie lediglich „Erleichterung“ (weniger lernen und bessere Noten ...)?
  • Welchen Einfluss hat Partizipation auf die Klassengemeinschaft, kann demokratische Mitverantwortung das Verständnis für die Position des Anderen erhöhen und damit Cliquen-Kämpfe und ähnliche Konflikt lösen helfen?
  • Wie erlebe ich selbst den Verzicht auf das „Machtmonopol“, das man als Lehrer besitzt – noch dazu als „alter“ Lehrer (58 Jahre)? Widerstehe ich der Verlockung, die SchülerInnen zu manipulieren und nur den Eindruck der Mitbestimmung zu erwecken?
  • Welche Erfahrungen sind geeignet, auch in Zukunft in den Unterrichtsalltag übernommen zu werden, welche können zur Schulkultur werden, und wie kann ich diese Erfahrungen meinen KollegInnen „verkaufen“?

 

Kurzer Rückblick am Ende des Schuljahres

Zum Abschluss des Schuljahres – fast ein Jahr partizipativer Unterricht lag hinter uns - konnte ich doch einige Veränderungen in der Klasse feststellen: Das positivste Ergebnis stellt für mich die Entwicklung des Klassenklimas dar. Die SchülerInnen haben im Rahmen der Partizipation als zentrale Forderung immer wieder „alternative“ Veranstaltungen gefordert: Projekte, Lehrausgänge, Kinobesuch, Ausflüge.

Ich bin diesen Forderungen weit gehend nachgekommen und diese Gemeinschaftserlebnisse haben die Klassengemeinschaft sehr gefördert, was auch einhellig in den Aussagen der SchülerInnen nachzulesen ist. Die Klasse löste sich nach diesem Schuljahr auf, da viele SchülerInnen in eine berufsbildenden höhere Schule oder in einen anderen Zweig der AHS übergetreten sind – eine tränenreiche Abschiedsstimmung prägte die letzten Schultage.

Das Leistungsniveau der Klasse hat sich im Laufe des Schuljahres deutlich gebessert, sodass alle SchülerInnen ohne Nicht Genügend den Aufstieg geschafft haben. Welchen Einfluss das Partizipationsmodell dabei gehabt hat, ist schwer abzuschätzen, weil der bevorstehende Schulwechsel sicherlich eine wichtigere Rolle dabei gespielt hat. Die Beteiligung der SchülerInnen an der Unterrichtsgestaltung blieb allerdings unter meinen Erwartungen. Zwar haben die SchülerInnen Themen gewählt und bei der Beschäftigung mit den ausgewählten Themen engagiert mitgearbeitet; sie haben es jedoch vermieden, sich bei Problemen bemerkbar zu machen obwohl sie nachträglich sehr wohl eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Unterricht festgestellt haben. Möglicherweise war es für die SchülerInnen trotz aller Vereinbarungen zu schwierig, ad hoc das Tabu der Kritik am Lehrer bzw. an seinem Unterricht zu durchbrechen.
 

Partizipationsprozesse brauchen Zeit zum Wachsen

Die Einhaltung der „Vereinbarungen“ sank im Laufe des Schuljahres merklich ab. Der Versuch, durch eine Schüler-Kontroll-Gruppe die Einhaltung sicher zu stellen scheiterte ebenfalls. Wahrscheinlich bedarf es der Autorität des Lehrers, um die gemeinsam und demokratisch festgelegten Regeln dauerhaft einzuhalten. Mein Rückzug aus dieser Funktion dürfte die SchülerInnen schlicht überfordert haben. Überaschend und fast erschreckend war für mich die große Bedeutung, die ich als Person für die SchülerInnen habe, ein Aspekt, den ich am Beginn des Programms nicht bedacht hatte. Ich hatte mich meines Erachtens stark zurückgenommen und bin offenbar gerade deswegen in den Augen vieler SchülerInnen „bedeutender“ geworden. Aussagen wie „er mag mich nicht“ oder „ich hoffe, er wird mich besser verstehen“ haben mich erschreckt, weil ich diese Sicht nicht erwartet habe und eigentlich der Meinung war, ich würde allen SchülerInnen positiv gegenüberstehen. Die emotionale Beziehung zu den SchülerInnen möchte ich mir noch genauer ansehen.

Eine wichtige Erfahrung für mich ist die Erkenntnis, dass Partizipationsprozesse Zeit zum Wachsen benötigen. Wenn man sich nicht mit bloßem Aktionismus begnügt, bedarf es großer Geduld auf entsprechende Handlungen der SchülerInnen zu warten. SchülerInnen müssen möglicherweise individuell erleben, dass sie sich darauf verlassen können, dass kritisches Hinterfragen der Schul- und Unterrichtsrealität für sie keine negativen Folgen hat (Strafen, schlechte Noten „Sympathie-Verlust“ etc.). Die Förderung eines solchen Vertrauens ist vermutlich eine unverzichtbare Voraussetzung für die Bereitschaft zu engagierter Partizipation.
 

Kontakt

Prof. Mag. Dr. Gerd Schindler ist auch im ENSI-LehrerInnenteam (Environment and School Initiatives) tätig. Seine Untersuchung zum Thema „partizipativer Unterricht“ wird im Rahmen einer ENSI-Studie 2006 erscheinen. Dieser Artikel ist die gekürzte Version eines Vortrags beim ÖKOLOG-Seminar in Linz 2005.
E-Mail
schige@gmx.at
 Ingeborg Bachmann-Gymnasium Klagenfurt

Für sein neues Unterrichtskonzept erstellte Gerd Schindler Rückmeldebögen für seine SchülerInnen. Partizipation in der Schule war auch Thema einer Schularbeit. Hier können Sie die Feedbackbögen und die Schularbeitsangabe inklusive ausgewählter SchülerInnenrückmeldungen downloaden:  Feedbackbögen und Schularbeitsangabe (pdf, 56 kB)
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-11

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