Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Schulhofumgestaltung als Prozess

Kinder und Jugendliche brauchen Räume, in denen sie sich wohl fühlen können, in denen sie sich gefahrlos bewegen, ihren Körper erfahren, in denen sie ihre Kreativität und Phantasie ausleben können. Orte der sozialen Kontakte, Orte, an denen kognitive Prozesse erprobt und Geborgenheit und Entspannung gefunden werden.
 

Einbeziehen, Beteiligen!

Auf Schulgeländen bestehen neben der noch vorhandenen Fläche erhebliche Potenziale zur Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in die aktive Gestaltung ihrer Umwelt, ihrer Spielräume. Durch die Partizipation bei Planung und Durchführung, durch die Öffnung der Schule nach außen, auch durch die Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen der nahen Umgebung in die Umgestaltung, eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten, identifikationsstiftende Orte zu schaffen, die Geborgenheit vermitteln und soziale Kontakte über die eigene Altersgruppe hinaus ermöglichen. Durch die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler werden neben dem Erwerb praktischer Fertigkeiten deren soziale Handlungskompetenz und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Schule gefördert.
 

Zeit lassen, Flexibel und gelassen sein

Bei der Festlegung der späteren, auch unterrichtlichen Nutzung ist eine gründliche inhaltliche Auseinandersetzung mit Zielen und Vorgehensweise ohne großen Zeitdruck erforderlich. Die Planung führt in der Regel dann zu ausgereiften, nachhaltigen, aber auch flexiblen Konzepten, wenn es den Erwachsenen gelingt, die Wünsche und Vorstellungen von Kindern/Jugendlichen ernst zu nehmen, wenn sie die Fähigkeit entwickeln, gemeinsam mit Kindern/Jugendlichen zu lernen und zu gestalten. Während mit der nötigen Gelassenheit Gesamtkonzepte gesucht werden, kann gleichzeitig schon an kleinen Ecken motivierend Sichtbares geschaffen werden.
 

Naturnah gestaltete, veränderbare Räume schaffen

Kinderfreundliche Schulhöfe sind kleinräumige, mit phantasievollen künstlerischen Objekten, abwechslungsreichen Spiel-, Bewegungs- und Kommunikationsangeboten angerreicherte Schulhöfe, auf denen die Verbindung von Spiel, Erholung, sich Bewegen, Kommunikation, Sport, Ökologie und Umwelterziehung angestrebt wird. Naturnah gestaltete Schulhöfe bieten reichlich Raum für spielerische und unterrichtliche Erfahrungen und vielfältiges Material zur eigenen Gestaltung: Steine zum Spielen, Baumstämme, transportable Holzabschnitte, Reisig, Steinblöcke, Kletterfelsen, Terassen, Podeste, Erdwall, Gräben, Wasserläufe, Hecken und Obstbäume ... . Statt normgerechter, austauschbarer Spielgeräte werden von den Beteiligten selbst entworfene Spiel- und Bewegungsräume mit Kletterbaum und Spielgebüsche angelegt und gepflegt. Der bewusste Einsatz akustischer, visueller und taktiler Reize fördert die eigene Körperempfindung und die Fähigkeit zur Orientierung im Raum. Gewalt, Unruhe und Eregung werden reduziert. Geländemodulierungen und Mulden belasten und entlasten mit ihrem Auf und Ab, die Ersteigung des Hügels kann über Treppen, Holzpalisaden, Natursteinblöcke, Seile etc. individuell erfolgen und der Absprung in die Sandgrube findet aus mehr als einem oder nur einem halben Meter Höhe unterschiedlich statt. Ist das Gelände nicht eben, sondern mit Höhen und Tiefen versehen, darf auch das Regenwasser in Mulden stehen bleiben, langsam abtrocknen und vergängliche Spiele ermöglichen. Wege führen statt gerade in Schwüngen über Brücken, durch Weidengänge oder berankte Torbögen. Unübersichtliche Ecken hinter Gebüsch oder Hecke bieten die Chance zum zeitweiligen Rückzug und laden – mit Sitzmöglichkeiten für Paare und kleine Gruppen – zum Plausch.
 

Vorhandenes phantasievoll nutzen

Die Möglichkeiten der vorhandenen Gelände werden selten ausgereizt. Freiluft-Unterricht braucht keine festen Sitzplätze und die Theater-AG kann ihre Kulisse an der Wäscheleine befestigen. Klingende Hölzer und Tastflächen, Nistkästen und Backofen berreichern ohne großen Platzbedarf, das Reisighaus ist rasch erichtet und wieder abgebaut, die kuschelige Ecke aus Stroh kann problemlos zur Lehmskulptur umgearbeitet werden. Sonnensegel bieten einfachen Schutz, klingende Windspiele und Hängematten oder Seile lassen sich in Bäume hängen und wieder abnehmen. Phantasievolle Nutzung des Geländes bedeutet auch aktive Pausengestaltung: gemeinsam Spiele organisieren, erfinden, aus anderen Kulturkreisen übernehmen, Geräusche und Klänge erzeugen und sie bewusst wahrnehmen, Pflanzen im Schulgarten gießen oder die Hühner und Kaninchen betreuen, musische Aktionen vorführen oder ihnen zuschauen, sich auf mobilen, selbst gebauten Skateboardramps präsentieren.
 

Veränderbarkeit für Nachfolgende

Idealerweise bleibt der Prozess der Umgestaltung offen und ist nie wirklich abgeschlossen, damit auch kommende Generationen ihre Spuren hinterlassen können. Unverplante Flächen, welche erst im Laufe der Zeit mit einer konkreten oder saisonalen Nutzung versehen werden, lassen Veränderung, Anpassung und Bewegung zu. Statt eines imprägnierten, teuren Rundholzes aus dem Katalog wird der gefällte Straßenbaum zu einer Balanciermöglichkeit, die ohne chemische Behandlung so verottet, dass in absehbarer Zeit Platz sein wird für eine andere Nutzung, eine andere Spielmöglichkeit oder wiederum einen Balancierbaum. Statt starer Räume werden vielfältige, herausfordernde Sinnesanreize, Angebote zur eigenen Raumaneignung, reichhaltiges (Natur-)Material zum Ausprobieren, zum Gestalten, für Rollenspiele und für Veränderbares zur Verfügung gestellt. Viel zu selten sind bislang allerdings von Erwachsenen nicht in ihrer Nutzung vorbestimmte Flächen, die Raum für vergängliche sinnliche Aktionen (wie z.B. den Bau von Lehmhütten, Asthäusern, die Anlage von Matschecken) oder spätere Ergänzungen und Erweiterungen lassen.
 

Anfangen, Mutig sein, Durchhalten, Stolz sein

Der prozesshafte Umbau der Schulen erfordert meist Mut, langen Atem, Nerven und Durchhaltevermögen. Der Erfolg vieler Projekte beruht zu einem hohen Maße auf dem Engagement und der Begeisterung der beteiligten Kinder und Erwachsenen. Gelungene Projekte zeigen, welche Kraft und Phantasie in Kindern frei wird, wenn ihnen Raum und Zeit zu ihrer Entfaltung gelassen und dabei die unterstützende Hilfe von Erwachsenen zuteil wird. Schulen, die den oft schwierigen und mühsamen Prozess der Schulhofumgestaltung begonnen haben, sind anschließend reicher an sozialen Erfahrungen und Kontakten, reicher an Selbstbewusstsein und handwerklichen Fertigkeiten, reicher an gemeinsam erfahrener Enttäuschung und Freude. Der gemeinsame Umgestaltungsprozess schafft Selbstvertrauen durch den Stolz auf das Ereichte, und er fördert das Verantwortungsgefühl gegenüber Natur und den Mitmenschen.
 

Quelle

Der Text wurde aus der Broschüre 'Schulfreiräume - Freiraum Schule' der Niederösterreichischen Landesregierung entnommen.
Amt der NÖ Landesregierung (Hrsg.)
Schulfreiräume – Freiraum Schule: Handbuch zur naturnahen Gartengestaltung
84 Seiten.
Amt der NÖ Landesregierung, St. Pölten
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-11

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