Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Schweizer Schulhöfe sind frei zugänglich

Toni Anderfuhren, 'Spielträumer'
 

Der Schulhof ist öffentlich zugänglicher Raum

In der Schweiz sind Schulhöfe häufig die einzigen Freiräume in dicht besiedeltem Gebiet und werden entsprechend intensiv genutzt. Vereine bespielen am Abend Hallen und Sportflächen, tagsüber genießen Mütter mit kleineren Kindern diese verkehrsfreien Flächen und – falls vorhanden – ihre Spielqualitäten. Und nach der Schule ist die ganze Anlage Treffpunkt für Kinder aus der Umgebung, Raum für aktive Bewegung und nicht selten erfüllt von fröhlichem Schreien. Nachts – davon zeugen Scherben von Bierflaschen im Spielsand – treffen sich hier Jugendliche, denen wir Erwachsenen nur selten andere geeignete offene Treffpunkte zur Verfügung stellen.
 

Jeder Schulhof ist anders

Selbstverständlich kennt die Schweiz eine bunte Palette unterschiedlichster Schulhöfe. Etliche dienen vor allem sportlichen Betätigungen, partiell sind sie Parkraum für Autos, es gibt wunderschöne Naturäume, reiche Geräte- Spiel-Landschaften, aber auch öde sterile Flächen. Keine Vorschrift regelt Größe und Qualitäten – solche existieren nur für Hühner! Vor Ort regelt das politische Spiel den Spiel-Raum einer Schule. Zufahrt, Wege, und Sportflächen sind meist unbestritten. Der Erholungswert für die Umgebung steht selten im Zentrum des Engagements der Beteiligten.
 

Schulhofregeln

Die meisten Schweizer Schulanlagen sind außerhalb der Schulzeiten frei zugänglich. Während den Schulzeiten soll der Unterricht nicht gestört werden, ist erste, breit akzeptierte Grundregel. Die zweite ist noch immer selbstverständlich: Die Nutzung der Schulanlage durch die Schule selber geht vor. Weitere Nutzungsregeln werden von den Verantwortlichen vor Ort gemacht und von Zeit zu Zeit dem gesellschaftlichen Wandel angepasst. Eingeschränkte Nutzung der Wiese bei Regen, kein Zutritt mit Hunden, Alkoholverbot, Rücksicht auf Ruhezeiten (über Mittag/ab 20 Uhr/nach dem Einnachten), Umgang mit Sachbeschädigungen, Müll, Drogen etc., neuerdings die Verantwortung der Eltern werden thematisiert. Die Einhaltung dieser Regeln wird keineswegs überall gleich gehandhabt. Blinde Flecken übersehen Handlungsbedarf, die harte Hand ignoriert pädagogische Grundhaltungen – die kleine Welt des Schulhofs unterscheidet sich wenig vom politischen Spiel um öffentlichen Raum.

Als „SpielleiterIn“ fungiert meist der/die HausmeisterIn mit seinen/ihren menschlichen Qualitäten, Kompetenzen, Überforderungen! Das Maß kinderfreundlicher Einstellungen ist bei ihm/ihr und seiner/ihrer vorgesetzten Behörde dabei so breit wie unsere Gesellschaft. „Schneeballwerfen verboten“ heißt es z.B. in einer Hausordnung. Für die Schule im Nachbarort ist dies überhaupt kein Thema. So veregeln etliche Schulen ihr Areal immer mehr, während andere der Natur mehr Raum einräumen, Kinder ernst nehmen und ihnen sogar Verstecke gestalten! Leider ist ein neuer Trend bemerkbar – NachbarInnen organisieren sich in Interessengruppen zur Bekämpfung von Kinderlärm. Hier sind sie erfolgreicher als in der Bekämpfung von Verkehrslärm, den sie selber mitproduzieren. Der gesunde Menschenverstand kommt so gelegentlich unter die Räder …!
 

Kinderfreundliche Aufwertungen brauchen starke PartnerInnen

Die Aufwertung einer Schulanlage zu einer offenen Freifläche ist anspruchsvolles Spiel vieler Partnerschaften, erfordert offene Prozesse zur Meinungsbildung und kann im Idealfall dank partizipativer Schritte zu neuer Identifikation mit dem Lebensraum führen. Ein Teil der Asphaltfläche zwischen den Schulhäusern in Bronschhofen ist unter einem steinreichen Hügel verschwunden. Ein Schiff ist an seiner Flanke gestrandet, am Aussichtspunkt bezeugen turmähnliche Kletterstrukturen die Kreativität aller Beteiligten. Die Kinder nutzen nun abenteuerliche Pfade und ansprechende Umwege für den Wechsel zwischen den Gebäuden. Rund um die Schule sind in mehrjährigem Prozess Balancierberreiche, Nischen mit Sitzstrukturen, ein kleiner Bachlauf, ein Weidendschungel entstanden. Die spielerische Zusammenarbeit von Kindern, Behörden, Schulhofberatung und GeräteherstellerInnen hat aus dem funktionalen Areal einen vielfältigen naturnahen Lebensraum Schule geschaffen, dessen Qualitäten von Kindern und Familien aus der Umgebung außerhalb der Schulzeiten rege genutzt werden.

Quelle

Der Text wurde aus der Broschüre 'Schulfreiräume - Freiraum Schule' der Niederösterreichischen Landesregierung entnommen.
Amt der NÖ Landesregierung (Hrsg.)
Schulfreiräume – Freiraum Schule: Handbuch zur naturnahen Gartengestaltung
84 Seiten.
Amt der NÖ Landesregierung, St. Pölten
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-11

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