Praxismaterialien für den schulischen und außerschulischen Einsatz

Schulhofentwicklung – ein Kinderspiel?!

Lehrpläne der Schule wollen in den Kindern eine Vielfalt von Fähigkeiten fördern und entwickeln. Es geht um das wahre Lernen mit Köpfchen, aber auch um soziale und emotionale Kompetenzen. Der „Lebensraum Schule“ – also der Schulhof – muss hier wichtige Funktionen erfüllen.
 

Kinder – ExpertInnen des Spiels

Mit Kindern geht’s spielerisch auf Exkursion. Zu Plätzen, an denen es sich prächtig spielen lässt: zu einem Bächlein, einer Ruine, einem Baugrundstück, einem Bauernhof, einer Kiesgrube etc. Die Kinder erforschen diese Orte und zeigen uns mit Fähnchen ihre Lieblingsorte. Jedes Kind erhält pro Exkursionsziel drei Fähnchen. Die Fahnen sind nach Alter und Geschlecht unterschiedlich. Der Rapport dieser Lieblingsorte wird zur Hitparade von Kinderwünschen, diese führt dann zu gestalterischen Themenkreisen der Schulhofaufwertung. Mit diesen Schritten werden Kinder vollwertige PartnerInnen im Planungsprozess.

Aber Achtung – Kinder haben schon heute ihre Lieblingsplätze! Erweitern wir die Spielexpedition auf den bestehenden Schulhof, so dokumentieren uns die Kinder sehr genau, was ihnen hier gefällt (allenfalls auch die Bauchwehplätze) und helfen uns in der weiteren Planung möglichst wenige der bestehenden Qualitäten zu zerstören.

Es braucht dann einen halben Schultag Zeit, einen Raum zum Werken und viel Materialien, damit die Modellierung gelingt. Die Kinder bilden Kleingruppen und wählen sich ihr Lieblingsthema aus den gestalterischen Themenkreisen.

Selbstverständlich sind ihre Modelle kaum 1:1 umzusetzen, aber sie geben Richtungen und wichtige Inhalte vor! Einige Beispielthemen, zu denen Kinder in Prozessen zur Schulhofaufwertungen gearbeitet haben: Aussichtspunkte; bekletterbare Spielstationen; bewegliche Materialien; etwas tun: z.B. Steine behauen, Ziele treffen etc.; ein Platz fürs Feuer; Geländeparcours; herausforderndes Gelände mit Höhlen, Mauern, Pflanzen, Steinen und Materialien zum Erforschen, Verstecken und Verändern; Kies und Sand; Schaukeln und Bewegen mit Geräten; Kletterorte; Kraft und Geschicklichkeit im Spiel; Natur und Spielen; Plätze zum Geniessen; Schatten; etc.
 

Und die Jugend?

Eine Planungsrunde mit Jugendlichen braucht keine Expedition, aber vielleicht eine Traumreise. Auf der Hitparade zeigen sich dann Themen wie Musikanlage, Sportmöglichkeiten, Rückzugsorte, weniger Verbote, Schulhofkiosk und vielleicht noch Fahradständer. Kaum mehr, denn eigentlich wollen Kids „rumhängen“.

Nur, was ist dieses „hängen“ eigentlich? – Ein Pool wichtiger sozialer Tätigkeiten auf dem Weg, erwachsen zu werden! Die Möglichkeiten eines guten Hängerplatzes sind in meinen Kreisen angedacht, zeigen vielfältige Entwicklungen und könnten eines Tages diesem schnelllebigen Abschnitt am Ende der Kindheit neue geeignete Räume erschließen.
 

Erwachsene auf Spuren des Spiels

Expeditionen der Erwachsenen (Lehrkräfte, Behörden, HausmeisterInnen, ElternverterInnen, PlanerInnen) führen zu typischen Spielplätze des Alltags, wo es Beispiele missglückter Planungsprozesse zu untersuchen gibt. Der Besuch optimaler Anlagen nimmt den Mut zu Veränderungen. Erst so beginnen Gedanken zu fließen, wird eigene Kreativität aktiviert, spielt man bald mit Möglichkeiten, wie „es“ anders, vielleicht sogar besser gemacht werden könnte. Als Fortsetzung sammeln sich aus diesen Grundlagen und der Fragestellung „Wo hast Du einst gespielt?“, „Was tun Deine Kinder am liebsten?“ etc. Unmengen von Zetteln mit Spielen und Tätigkeiten, die begutachtet, gruppiert und mit Punkten priorisiert werden. Meist nach dem Motto „Welche Themenkreise sind für unsere Schule und für den Schulhof wichtig?“.

Hitparadepunkte sind zum Beispiel: Geländestrukturen und Modellierung, Wege und Plätze, Nischen und Verstecke, sehen und gesehen werden, sitzen und sein, rennen und bewegen, klettern und balancieren, Natur und Tiere, Farbe und Fröhlichkeit, Kunst und Krempel, „Werkplatz Schule“ etc. Es zeigt sich – in diesen Themenkreisen finden sich alle Elemente des Spiels!
 

Die Schule – unterwegs zum Lebensraum

Durch diese Vorarbeit angeregt beginnen wir in kleinen Gruppen grobe Skizzen, liebevolle Details und freche Träume für einen neuen Schulhof zu entwickeln, die wir uns mit viel Begeisterung gegenseitig vorstellen. Das Spiel geht weiter – aus jedem Vorschlag suchen wir Positives heraus! Kritisieren fällt immer leicht, wodurch alle Vorschläge rasch zeredet werden können. Mit der Umkehrung auf Loben ebnen wir den Weg zum Weiterspielen und setzen nun viele der besten Ideen aus den erträumten Schulhöfen zu einem gemeinsamen Konzept zusammen.

Planungsarbeiten von Erwachsenen und Kindern fließen im Laufe des Veränderungsprozesses zusammen und bilden gemeinsam mit Auflagen von GesetzgeberInnen, Behörden und Sachzwängen die Grundlage zur Erarbeitung einer neuen Schulumgebung. Die erste Fassung dokumentiert Visionen und gibt übergeordnete Zielsetzungen wieder. Diese Vision halten wir fest, denn nun wissen wir, in welche Richtung sich unsere Schule entwickeln soll. Anahnd der kreativen Ideen aller Konzeptionspartner unter Abwägung aller Sachzwänge (wie das liebe Geld) wird aus der Vision eine fassbare Vorstellung, wie der Schulhof sein wird. Daraus wachsen Aufträge zur detaillierten Planung, Prioritäten für mögliche Etappierungen für die kommenden Jahre, für genaue Zahlen und Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung von Klein und Groß.

Ob dieser Teil der Arbeiten trockenes Durcharbeiten von Traktanden oder lustbetontes Vertiefen in spannende Fragestellungen ist, wird durch die Moderation der Arbeitsschritte wesentlich beeinflusst. Auch hier lohnen sich partizipative spielerische Arbeitsformen – sie tragen die fröhlichen Stimmungen aus den ersten Schritten hinüber in die konkreten Umsetzungsschritte.

Meist wollen verantwortliche PlanerInnen solche Prozesse kompetent und sauber durchziehen. Soll ein lebendiger Schulhof aber wirklich oberstes Ziel sein, muss „die Spielleitung“ hier intervenieren: Die Kinder (und ihre Eltern, die Lehrkräfte) sollen aktiv an den Veränderungen teilhaben. Müssen begreifen, was in ihrer Schule passiert. Wenn sie alle in einer praktischen Arbeitswoche am Schluss des Umbauprozesses selber Hand anlegen, Sand herumkaren, das Bächlein gestalten, Farbe aufpinseln, Büsche pflanzen, Spielinstallationen fertig bauen, dann wird der Schulhof zum eigenen Werk. Und wenn sie dies mit viel Lust getan haben, dann wollen sie nächstes Jahr wieder aktiv verändern und dazu beitragen, dass ihre Schule nie fertig gebaut ist, sondern in dauernder Veränderung immer umgestaltet werden darf.
 

Gestaltungslust bis ins Detail

Gelingt es im Laufe der Schulhofaufwertung, mehrmals den Alltagsbetrieb der Schule für einige Tage zu unterbrechen, dann bewähren sich folgende Arbeitsformen: Thematische Gruppen dürfen altersgemischt oder für einmal geschlechtsspezifisch sein. GestalterInnen, Eltern, HausmeisterInnen, Projekte mit Stellenlosen werden aktiv miteinbezogen. Gegenseitige Besuche aktiver Gruppen sind ausdrücklich erwünscht und – da längst nicht alle immer nur schaufeln wollen – es öffnet sich ein großes Spektrum möglicher weiterer Tätigkeiten wie die Schaffung einer Schulhofkneipe mit Bäckerei, Küche und großer Gastfreundschaft, der Betrieb einer hauseigenen Medienwerkstatt mit ReporterInnen, Redaktionen, eine Post für schriftliche Nachrichten, eine PR-Gruppe zur Orientierung von Eltern und Neugierigen etc. Ich habe schon verschiedentlich beobachtet, dass auf dem neuen Schulhof notwendige Spielregeln von den Kindern nun selber entwickelt werden und nicht mehr durch die Behörde verordnet werden müssen.
 

Quelle

Der Text wurde aus der Broschüre 'Schulfreiräume - Freiraum Schule' der Niederösterreichischen Landesregierung entnommen.
Amt der NÖ Landesregierung (Hrsg.)
Schulfreiräume – Freiraum Schule: Handbuch zur naturnahen Gartengestaltung
84 Seiten.
Amt der NÖ Landesregierung, St. Pölten
Zuletzt aktualisiert: 2012-06-11

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